SONIA: Höchste Zeit, die Zinsen zu senken

In der aktuellen Bewertung der SONIA-Futures (Sterling Overnight Index Average) ist eine 61 %ige Wahrscheinlichkeit eingepreist, dass die Bank of England (BoE) in ihrer Sitzung am 30. Januar die Zinsen senken wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass die BoE die Zinsen in ihrer September-Sitzung weiter senken wird, steigt zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts sogar auf 80 % (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung steigt laut dem BoE Watch Tool der CME von 61 % im Januar auf 80 % im September

Dass erwartete Zinssenkungen bei der Preisbildung von SONIA-Futures eine Rolle spielen, ist keine neue Erscheinung. Seit dem 22. Mai 2019 preist die GBP-Zinskurve konstant ein, dass die Senkung der Zinsen wahrscheinlicher ist als eine Erhöhung (Abbildung 2). Dabei manifestiert sich die Erwartung von Zinssenkungen inzwischen weniger extrem als noch im Spätsommer und Frühherbst 2019. 

In der Sitzung der BoE im Dezember stimmten zwei der neun Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses für eine Zinssenkung – ihnen könnten sich nun Ende Januar möglicherweise zwei oder sogar mehr Mitglieder anschließen.

Abbildung 2: SONIA-Futures haben seit Ende 2019 kontinuierlich die Möglichkeit einer Zinssenkung durch die BoE eingespeist.

Angesichts der geringen Arbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich (3,8 %, Abbildung 3) mag die Diskussion über Zinssenkungen durchaus überraschen. Doch wie in den USA und den meisten Ländern Europas scheint es keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Inflationsrate zu geben: Die Phillips-Kurve, die das Verhältnis zwischen Arbeitslosenquoten und Inflationsrate misst, könnte, angewendet auf das Vereinigte Königreich, kaum flacher verlaufen (Abbildung 4).

Abbildung 3: Die Arbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich ist auf dem tiefsten Stand seit Jahrzehnten

Abbildung 4: Die sinkende Arbeitslosigkeit hat keine Inflation entfacht (eine sehr ungewöhnliche Abbildung dazu finden Sie im Anhang)

Hinzu kommt, dass die Kerninflation im Vereinigten Königreich weiterhin bei unter 2 % liegt – wie schon über weite Strecken der letzten 22 Jahre. Kurzzeitige Ausnahmen gab es in den Jahren 2010 und 2011, als die Mehrwertsteuer zunächst von 15 % auf 17,5 % (dem Niveau vor der vorübergehenden Senkung aufgrund der Finanzkrise) und schließlich auf 20 % angehoben wurde. Auch der starke Anstieg der Studiengebühren kurbelte seinerzeit die Inflation an. Danach überschritt die Kerninflation die Zwei-Prozent-Grenze nur nach dem Brexit-Referendum noch einmal: Nachdem der handelsgewichtete Wert des Pfunds angesichts des Ergebnisses um 15 % gesunken war, stieg die Inflation um rund 1 %. Diese Auswirkungen waren jedoch nicht von Dauer, die Währung erholte sich rasch wieder.

Im Vorfeld der letzten Wahlen kam das Wirtschaftswachstum zum Stillstand: Der produzierende Sektor schrumpfte, der Wohnimmobilienmarkt und die Verbraucherausgaben legten nur sehr langsam zu. Es gibt vereinzelte Hinweise darauf, dass eine Erholung bevor steht. Das Geschäftsklima zeigte sich nach den Wahlen stark verbessert und die Regierung hat erhebliche fiskalische Anreize versprochen. Und dennoch ginge die BoE durch eine Zinssenkung nur ein geringes Risiko ein. Erfahrungsgemäß besteht das Hauptrisiko bei einer Lockerung der Geldpolitik darin, eine Verbraucherpreisinflation auszulösen oder Vermögensblasen aufzublähen. Beides scheint derzeit jedoch kein großes Risiko darzustellen. Insgesamt stagnieren die Wohnimmobilienpreise, in London sind sie rückläufig, in anderen Teilen des Vereinigten Königreichs im Anstieg. Ferner ist es schwer zu glauben, dass niedrigere Zinsen zu einer Blasenbildung auf dem eher trägen britischen Aktienmarkt führen könnten. Die Verbraucherpreisinflation hat schon seit Jahrzehnten keine Probleme mehr bereitet – eine Senkung der Zinsen um 25 Basispunkte wird daran kaum etwas ändern.

Abbildung 5: Mit Ausnahme von Mehrwertsteuererhöhungen und dem Währungsabsturz nach dem Referendum war die Inflation niedrig und stabil.

Unter dem Strich

  • Innerhalb der BoE nimmt der Druck hinsichtlich einer Zinssenkung zu.
  • SONIA-Futures preisen die Senkung mit einer Wahrscheinlichkeit von 61 % für Januar bzw. 80 % für September ein.
  • Die Kerninflation ist im Vereinigten Königreich stabil und liegt leicht unter dem Ziel.
  • Die niedrigen Arbeitslosenzahlen erzeugen keinen Aufwärtsdruck auf die Preisentwicklung.

Anhang

Abbildung 3,5: Langfristig besteht aufgrund der Erhöhung der Mehrwertsteuer und offiziell gesteuerter Preise nach der Finanzkrise tatsächlich ein positiver Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit.


Alle in diesem Bericht dargestellten Beispiele sind hypothetische Interpretationen und werden nur zu Erläuterungszwecken verwendet. Die in diesem Bericht dargestellten Sichtweisen sind ausschließlich die Meinung des Autors, nicht notwendigerweise der CME Group oder ihrer verbundenen Unternehmen. Dieser Bericht und die darin enthaltenen Informationen sind nicht als Anlageberatung oder als Ergebnis tatsächlicher Markterfahrungen aufzufassen.

Über den Autor

Erik Norland ist Executive Director und Senior Economist der CME Group und somit für die wirtschaftlichen Analysen der globalen Finanzmärkte verantwortlich. Dabei identifiziert er aufkommende Trends, bewertet wirtschaftliche Faktoren und prognostiziert deren Auswirkungen auf die CME Group und ihre Geschäftsstrategie sowie auf die Anleger, die an den verschiedenen Märkten des Unternehmens handeln. Er ist außerdem einer der Sprecher der CME Group für Themen, die die globale wirtschaftliche, finanzielle und geopolitische Lage betreffen.

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