Aktien 2020: Feiern, als wäre es 1999

Haben wir gerade die 2010er hinter uns gelassen oder waren es nicht doch einmal mehr die Neunziger? Auf dem ersten Blick weisen die beiden Jahrzehnte viele Ähnlichkeiten auf. Die Arbeitslosigkeit sank, die Inflation war stabil und die Aktienkurse schossen in die Höhe. Am Ende beider Jahrzehnte betrug die Aktienmarktkapitalisierung über 130 % des BIP der Vereinigten Staaten (Abbildung 1). Und beide Jahrzehnte waren zudem von niedrigen Rohstoffpreisen und Turbulenzen an den Schwellenmärkten geprägt.

Abbildung 1: Das Bewertungsniveau ist ähnlich hoch wie im Jahr 2000, die Zinssätze betragen jedoch nur ein Drittel des Wertes von vor 20 Jahren.

Außerdem standen dieselben Sektoren, die die Aufwärtsbewegung der 1990er Jahre angetrieben hatten, auch hinter dem Bullenmarkt des zurückliegenden Jahrzehnts. In den 1990er Jahren führten Technologietitel den Markt an, gefolgt von Werten aus dem Gesundheitswesen und dem Konsumgüterbereich (Abbildung 2). Dieselben drei Sektoren trieben den Markt auch in den 2010er Jahren nach oben (Abbildung 3). Am schwächsten entwickelten sich in den 1990er Jahren Energie-, Rohstoff- und Versorgungsunternehmen. Diese Sektoren gehörten auch im vergangenen Jahrzehnt zu den vier Schwächsten – zusammen mit Titeln aus dem Telekommunikationsbereich, welche sich in den 1990er Jahren durchschnittlich entwickelten, in den 2010er Jahren jedoch enttäuschten. 

Abbildung 2: Die Sektoren Informationstechnologie (IT), Gesundheitswesen und Konsumgüter brachten in den 1990ern die höchsten Erträge.

Abbildung 3: Auch in den 2010ern brachten die Sektoren IT, Gesundheitswesen und Konsumgüter die höchsten Erträge.

Die Korrelation der Wertentwicklung der Sektoren liegt für die 2010er und 1990er Jahre bei 0,68 (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Gewinner der 1990er waren auch die Gewinner der 2010er Jahre.

Zum Start des neuen Jahrzehnts könnten die sich Marktbedingungen kaum deutlicher von denen von 1990 oder 2010 unterscheiden. Zu Beginn der 1990er Jahre rutschte die US-Wirtschaft in eine Rezession und war geplagt von einer Krise der kleinen Banken (Savings-and-Loans-Krise) und faulen Immobilienkrediten. Die Federal Reserve (Fed) nahm eine drastische Zinssenkung von 9,75 % auf 3 % vor. Zu Beginn der 2010er Jahre lag die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten bei fast 10 % und das Bankensystem begann gerade erst, sich von seiner schwersten Krise seit den 1930er Jahren zu erholen. Die Immobilienpreise waren landesweit eingebrochen und die Fed experimentierte mit Nullzinsen und quantitativen Lockerungsmaßnahmen.

Oberflächlich betrachtet ähnelt die Lage der Weltwirtschaft zu Beginn des neuen Jahrzehnts weit mehr der des Jahres 2000 als 1990 oder 2010. Die Arbeitslosenquote liegt unter 4 %. Es gibt keine offensichtlichen Probleme mit dem Bankensystem. Die Immobilienpreise befinden sich in einem moderaten Aufwärtstrend, der Anstieg scheint aber keine Blasenbildung zu indizieren (zumindest nicht im Großteil der USA). Die Energie- und Rohstoffpreise sind weit von historischen Höchstständen entfernt.

Doch es gibt auch bedeutende Unterschiede. Für die Aktienmärkte positiv zu bewerten sind die Zinssätze: Zu Beginn der 2020er Jahre belaufen sie sich nur auf ein Drittel des Niveaus von 2000. Es ist davon auszugehen, dass die Märkte bei einem niedrigeren Zinsniveau eine viel höhere Bewertung aufrechterhalten können als bei einem höheren Zinsniveau. Möglicherweise ist die Bewertung des S&P 500® von 130 % des BIP wegen des langfristigen Zinsniveaus von knapp über 2 % heute unbedenklich, während es im Jahr 2000 – als die langfristigen Zinsen bei 6-7 % lagen – rückblickend problematisch war.

Für die Aktien negativ zu vermerken ist hingegen die Haushaltslage der USA, die sich gänzlich anders darstellt als im Jahr 2000. Die US-Regierung erzielte damals einen Überschuss von 2 % des BIP, während die Staatsverschuldung lediglich 51 % des BIP betrug. Heute beläuft sich das Haushaltsdefizit der Vereinigten Staaten auf beinahe 5 %, die Staatsverschuldung auf annähernd 100 % des BIP. Sollte die Wirtschaft in den 2020er Jahren in Schwierigkeiten geraten, wird es schwieriger sein, die Situation mit fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen zu retten, als es noch 2001 und 2008 der Fall war – als die Verschuldung viel niedriger und die Zinssätze viel höher waren. 

Mit Blick auf die Aktiensektoren lässt sich feststellen, dass ein neues Jahrzehnt für die Gewinner des vorherigen Jahrzehnts nicht immer Gutes verheißt. Nachdem die Werte des Technologiesektors die 1990er Jahre dominiert haben, gehörten sie im folgenden Jahrzehnt zu den sich am schlechtesten entwickelnden Titeln. Und auch die Aktien des Konsumgütersektors gehörten zu den Verlierern. Im Gegensatz dazu entwickelten sich die Energie-, Rohstoff- und Versorgeraktien – die in den 1990er Jahren allesamt nicht Schritt halten konnten – in den 2000er Jahren überdurchschnittlich (Abbildung 5). 

Abbildung 5: Defensive Titel und Titel aus dem Rohstoffsektor entwickelten sich von 2000 bis 2009 besser als andere Sektoren.

Die Korrelation der Wertentwicklung der Sektoren liegt für die 1990er und 2000er Jahre bei -0,56 (Abbildung 6). Auch bei der Betrachtung der 2000er und 2010er Jahre ist die Korrelation mit -0,40 recht negativ (Abbildung 7). Die Sektoren, die sich zwischen 2000 und 2009 am besten entwickelt haben – Energie, Konsumgüter, Rohstoffe und Versorger – gehörten im letzten Jahrzehnt zu den schwächsten.

Abbildung 6: Die Gewinner der 1990er waren in den 2000er Jahren unter den größten Verlierern.

Abbildung 7: Die Outperformer der 2000er Jahre neigten im vergangenen Jahrzehnt zu einer unterdurchschnittlichen Entwicklung.

Die Unterschiede in der Wertentwicklung lassen sich mit dem Zustand der Wirtschaft und der Rohstoffmärkte erklären. In Zeiten kräftigen Konjunkturwachstums gehören die Titel der Technologie- und Konsumgüterbranche voraussichtlich zu den Gewinnern, während defensive Werte wie Versorger und Basiskonsumgüter sich wahrscheinlich unterdurchschnittlich entwickeln. Die Entwicklung von Energie- und Rohstoffaktien hängt für gewöhnlich davon ab, ob die Energie- und Metallpreise steigen oder fallen. Sollten sich die 2020er Jahre als ein Jahrzehnt des robusten globalen Wachstum herausstellen, könnten die Konsumgüter- und Technologiewerte möglicherweise die zweite Dekade in Folge auf Kosten der Versorger und der Basiskonsumgüter die Märkte dominieren. Ein weiterhin starkes Wachstum Chinas könnte unterdessen die Entwicklung rohstoffbezogener Titel begünstigen. Sollten das neue Jahrzehnt hingegen ähnlich von Unruhen geplagt sein wie die 2000er Jahre, könnten die defensivsten Sektoren triumphieren. 

Unter dem Strich

  • Die stärksten Sektoren der 1990er waren auch die Gewinner der 2010er Jahre.
  • Die stärksten Sektoren der 1990er entwickelten sich zwischen 2000 und 2009 unterdurchschnittlich.
  • Die Aktien bewegen sich wieder auf einem ähnlich extrem hohen Bewertungsniveau wie im Jahr 2000.
  • Die Zinssätze betragen jedoch nur ein Drittel des Niveaus aus dem Jahr 2000.
  • Erweisen sich die 2020er Jahre als wirtschaftlich robust, könnten sich die Technologie- und Konsumgüteraktien überdurchschnittlich entwickeln.
  • Sollte aber ein ähnlich turbulentes Jahrzehnt bevorstehen wie die 2000er Jahre, könnten defensive Titel dominieren.

Alle in diesem Bericht dargestellten Beispiele sind hypothetische Interpretationen und werden nur zu Erläuterungszwecken verwendet. Die in diesem Bericht dargestellten Sichtweisen sind ausschließlich die Meinung des Autors, nicht notwendigerweise der CME Group oder ihrer verbundenen Unternehmen. Dieser Bericht und die darin enthaltenen Informationen sind nicht als Anlageberatung oder als Ergebnis tatsächlicher Markterfahrungen aufzufassen.

Über den Autor

Erik Norland ist Executive Director und Senior Economist der CME Group und somit für die wirtschaftlichen Analysen der globalen Finanzmärkte verantwortlich. Dabei identifiziert er aufkommende Trends, bewertet wirtschaftliche Faktoren und prognostiziert deren Auswirkungen auf die CME Group und ihre Geschäftsstrategie sowie auf die Anleger, die an den verschiedenen Märkten des Unternehmens handeln. Er ist außerdem einer der Sprecher der CME Group für Themen, die die globale wirtschaftliche, finanzielle und geopolitische Lage betreffen.

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