Wirtschaft im Brennpunkt: Währungen – Neuseeland und Australien

Seit 2011 sind sowohl der australische Dollar (AUD) und der Neuseeland-Dollar (NZD) gegenüber dem USD gefallen. Von den beiden Währungen hat der NZD ein wenig besser abgeschnitten. Während der AUD seit Anfang 2011 um 31 % gegenüber dem USD nachgegeben hat, ist der NZD im gleichen Zeitraum um etwa 15 % gesunken (Abbildung 1). Vor neun Jahren erreichte der AUD mit 1,37 NZD seinen Spitzenwert gegenüber der neuseeländischen Währung. Zu Beginn dieses Jahres erreichte der AUD/NZD-Wechselkurs zum ersten Mal fast die Parität, bevor er wieder auf etwa 1,05 anstieg (Abbildung 2).

Abb. 1: AUD und NZD im Vergleich zum USD

Abb. 2: Zu Beginn dieses Jahres erreichte der AUD/NZD-Tagesschlusskurs ein Rekordtief fast auf Paritätsniveau.

Die bessere Entwicklung des NZD gegenüber dem AUD in der zurückliegenden Dekade beruht auf drei Faktoren:

  1. Im Vergleich zu Australien behaupteten sich die Exportpreise neuseeländischer Rohstoffe besser.
  2. In den letzten 10 Jahren verzeichnete Neuseeland das robustere Wirtschaftswachstum.
  3. Die Verschuldung des privaten Sektors ist in Neuseeland deutlich geringer als in Australien.

Unterschiedliche Exportdynamik

Aufgrund ihrer geografischen Lage werden Australien und Neuseeland mitunter zu einer Kategorie zusammengefasst, sodass leicht übersehen wird, wie unterschiedlich ihre Volkswirtschaften sind.  Australien stützt sich besonders auf den Bergbau, indes Produkte der Milch- und Holzwirtschaft die neuseeländische Exportwirtschaft beherrschen.

Im Jahr 2019 machte der Export von Kohlebriketts und Eisenerz jeweils 4,1 % bzw. 3,4 % des australischen BIP aus.  Der Export von Gold und anderen Bodenschätzen, einschließlich Aluminium und Kupfer, betrug etwa 1 % bzw. etwa 1,7 % des BIP. 2018, im letzten Jahr mit voller Datentransparenz, steuerte der Export von Erdgas circa 1,3 % zum BIP bei.

In Neuseeland belief sich der Export konzentrierter Milch auf 2,7 % des BIP.  Die Ausfuhr von Käse, Butter, Molke und anderen Milchprodukten trug weitere 2,2 % zum BIP bei.  Das andere wichtige Exportgut Neuseelands ist Holz, das 1,2 % des BIP ausmacht.

Neuseeland exportiert auch eine begrenzte Menge an Metallen, einschließlich Aluminium, doch dieser Exportposten summiert sich auf weniger als 1 % des BIP. Australien exportiert auch Vieh und landwirtschaftliche Produkte wie Rindfleisch und Weizen, aber diese Posten machen nur einen geringen Prozentsatz des BIP aus.  Neuseeland führt vornehmlich landwirtschaftliche Güter aus, indes Australien in erster Linie Bodenschätze exportiert.  AUD und NZD folgen Indizes auf börslich gehandelte, nach ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung gewichtete Rohstoffe (Abbildungen 3 und 4).

Abb. 3: In der vergangenen Dekade übten rückläufige Preise von Eisenerz, Kohle und Erdgas Druck auf den AUD aus

Abb. 4: Die Ausfuhrpreise für neuseeländische Rohstoffe sind gesunken, doch nicht so stark wie die australischer Rohstoffe

In den vergangenen zehn Jahren waren milchwirtschaftliche Produkte volatil, doch ohne einem ausgeprägten Trend zu folgen (Abbildungen 5 und 6).  Im Gegensatz dazu waren die Ausfuhrpreise so wichtiger australischer Rohstoffe wie Kohle und Eisenerz im Allgemeinen rückläufig (Abbildungen 7 und 8).

Abb. 5: Der Milchpreis war volatil, ohne einem ausgeprägten Trend zu folgen

Abb. 6: Die Preise milchwirtschaftlicher Produkte wiesen eine hohe Schwankungsbreite aus, ohne einem ausgeprägten Trend zu folgen

Abb. 7: Sinkende Kohlepreise haben den AUD belastet

Abb. 8: Zwar sind die Preise für Eisenerz weit von ihren Tiefstständen entfernt, jedoch bewegen sie sich auch in deutlichen Abstand zu den Höchstwerten von 2011

Hinter den USA und der Europäischen Union ist Neuseeland weltweit der drittgrößte Erzeuger milchwirtschaftlicher Produkte.  Der Unterschied besteht darin, dass die Produktion bei einer Bevölkerung von 330 Millionen in den USA und mehr als 400 Millionen in Europa dort zum großen Teil binnenwirtschaftlich absorbiert wird.  Hingegen kann Neuseeland mit einer Bevölkerung von nur 5 Millionen das Gros seiner Erzeugnisse exportieren. 

Und doch stehen Neuseelands Anbieter milchwirtschaftlicher Erzeugnisse in hartem Wettbewerb mit den USA und der EU um Marktanteile am weltweiten Exportmarkt.  Verliert der Euro (EUR) an Wert, steigt die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Erzeuger.  Daher ist es nicht allzu verwunderlich, dass der NZD dem EUR enger folgt als dem AUD, zumal Australien einen ganz anders gearteten Exportmix aufweist (Abbildung 9).

Abb. 9: Der NZD folgt dem EUR (auch eine Währung, die mit milchwirtschaftlichen Exporten verknüpft ist) enger als dem AUD

Unterschiede im Wirtschaftswachstum

Bekannt u. a. für erstklassige Weine und Kängurus hat Australien der Liste seiner Besonderheiten in den letzten Jahrzehnten noch eine hinzugefügt: die längste ununterbrochene wirtschaftliche Expansion, die ein Industrieland je verbuchen konnte.  Dieses unausgesetzte Wirtschaftswachstum erstreckte sich über 28 Jahre (von Ende 1991 bis Anfang 2020) und hätte durchaus anhalten können, wäre es nicht zur COVID-19-Pandemie gekommen. 

In diesem Zeitraum hat sich die neuseeländische Wirtschaft gut entwickelt, wenn auch mit etwas größeren Schwankungen während der Asienkrise von 1997/98 und der Großen Finanzkrise von 2008/09.  Während Australien den Rekord für die längste Wirtschaftsexpansion aller Zeiten hält, hat die neuseeländische Wirtschaft in fast jedem Quartal von 2014 bis Ende 2019 die australische Wirtschaft im Jahresvergleich übertroffen (Abbildung 10).  Dies könnte auch erklären, warum der NZD in diesem Zeitraum gegenüber dem AUD an Wert gewonnen hat.

Abb. 10: Australiens Wirtschaft expandierte 28 Jahre, doch Neuseeland erzielte seit 2014 das höhere Wirtschaftswachstum

Verschuldung

Die Verschuldung ist in Neuseeland etwas geringer als in Australien.  Die Verschuldung der öffentlichen Hand ist in beiden Ländern gering, besonders in Neuseeland. Zum Ende des 4. Quartals 2019 betrug die Verschuldung des staatlichen Sektors in Australien und Neuseeland 37,1 % bzw. 28,5 % des BIP.

Die Verschuldung privater Haushalte ist in beiden Ländern hoch, dies aber besonders in Australien.  Mit Verbindlichkeiten von 119,5 % des BIP zählen die australischen Privathaushalte zu den am höchsten verschuldeten der Welt; die Verschuldung der Haushalte in Neuseeland beläuft sich dagegen auf 94,4 % des BIP.  Die Verschuldung neuseeländischer Unternehmen (80,7 % des BIP) ist höher als die australischer Unternehmen (71,7 %), doch zusammengenommen sind die Schulden der öffentlichen Hand und der privaten Haushalte in Neuseeland mit 203,6 % des BIP etwa 25 % geringer als in Australien (Abbildungen 11 und 12).  Beide Länder weisen eine relativ geringe Verschuldung aus, vergleicht man sie mit Kanada, China, Europa und den USA (die Ende des 4. Quartals 2019 eine Spanne von 250-280 % des BIP aufwiesen) oder etwa Japan mit einer Gesamtverschuldung von 400 % des BIP.  So gesehen befinden sich beide Länder in einer guten Verfassung, um sich mit einem höheren Haushaltsdefizit gegen die negativen Auswirkungen der Pandemie zu stemmen.

Abb. 11: Im 4. Quartal 2019 betrug das Gesamtvolumen der an australische Unternehmen des Nicht-Finanzsektors ausgereichten Kredite 229 % des BIP.

Abb. 12: Im 4. Quartal 2019 betrug das Gesamtvolumen der an neuseeländische Unternehmen des Nicht-Finanzsektors ausgereichten Kredite 204 % des BIP.

In den meisten anderen Aspekten unterscheiden sich die beiden Volkswirtschaften nicht wesentlich.  Beide Länder weisen seit Jahrzehnten kontinuierlich niedrige Inflationszahlen aus und ihre Zentralbanken haben kürzlich zum ersten Mal das Zinsniveau auf fast null Prozent gesenkt (Abbildungen 13 und 14).  Auch haben beide Nationen offenbar den Ausbruch des Coronavirus fürs Erste in den Griff bekommen und öffnen ihre Volkswirtschaften wieder.

Abb. 13: Die niedrige Inflation begünstigte das erste Experiment der neuseeländischen Notenbank (Reserve Bank of New Zealand) mit der Nullzinspolitik

Abb. 14: Australien hat sich schließlich der Nullzinspolitik der USA, Japans und Europas angeschlossen

Die Exportmärkte beiden Länder stehen weiterhin vor Herausforderungen.  Schwächere Exportmärkte werden Neuseeland möglicherweise weniger stark treffen, da die Nachfrage nach Nahrungsmitteln sich als konstante Größe erweisen könnte und der Bedarf an Holz derzeit stark anzieht.  Die australischen Exporte von Kohle, Eisenerz, Erdgas, Kupfer und Aluminium könnten stärker unter dem anhaltend schwachen globalen Wirtschaftswachstum leiden.  Allerdings profitiert Australien – zumindest vorübergehend – von höheren Preisen für Produkte wie Eisenerz und Kupfer, da die Bergwerke des Landes in Betrieb geblieben sind, während zahlreiche Konkurrenten in Südamerika und Afrika die Produktion wegen der Pandemie eingeschränkt haben.

Unter dem Strich

  • Neuseeland ist stark von milch- und holzwirtschaftlichen Exporten abhängig.
  • Die wichtigsten australischen Exporte sind Kohle, Eisenerz, Gold und Erdgas.
  • Die von Neuseeland erzielten Exportpreise entwickelten sich in der vergangenen Dekade besser als die von Australien.
  • Das Wirtschaftswachstum von Neuseeland war im Zeitraum 2014-19 höher als in Australien.
  • Die staatliche und die private Verschuldung sind in Neuseeland geringer als in Australien.
  • Die Zentralbanken beider Länder haben sich erstmals einem Zinsniveau von fast null Prozent genähert.

Alle in diesem Bericht dargestellten Beispiele sind hypothetische Interpretationen und werden nur zu Erläuterungszwecken verwendet. Die in diesem Bericht dargestellten Sichtweisen sind ausschließlich die Meinung des Autors, nicht notwendigerweise der CME Group oder ihrer verbundenen Unternehmen. Dieser Bericht und die darin enthaltenen Informationen sind nicht als Anlageberatung oder als Ergebnis tatsächlicher Markterfahrungen aufzufassen.

Über den Autor

Erik Norland ist Executive Director und Senior Economist der CME Group und somit für die wirtschaftlichen Analysen der globalen Finanzmärkte verantwortlich. Dabei identifiziert er aufkommende Trends, bewertet wirtschaftliche Faktoren und prognostiziert deren Auswirkungen auf die CME Group und ihre Geschäftsstrategie sowie auf die Anleger, die an den verschiedenen Märkten des Unternehmens handeln. Er ist außerdem einer der Sprecher der CME Group für Themen, die die globale wirtschaftliche, finanzielle und geopolitische Lage betreffen.

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